Bjor starrte seine Tochter an, die bewusstlos neben der Eishexe auf dem gefrorenen Steinboden lag. Ihr langes, rotes Haar verdeckte die Wunden auf ihrem Gesicht, und nur das langsame Auf und Ab ihrer Atmung ließ ihn wissen, dass sie noch lebte.
Ganz im Gegensatz zu ihm. Seine Brust hob und senkte sich hektisch, als ob seine Lungen von einem unsichtbaren Band zusammengeschnürt würden. Seine Eingeweide fühlten sich an, als würden sie zu Eis gefrieren. Gebrochen und blutig kniete er im Schnee und Dreck und konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Sie sah so zerbrechlich aus, wie sie da im Schnee lag. Er wusste, was kommen würde. Er wusste, dass er mit dem Versuch, sie zu retten, sein Dorf dem Untergang geweiht hatte.
Als die Eishexe kam um das Pfand zu holen, hätte er nie im Leben daran gedacht, dass es seine Tochter treffen würde. Sie war schon vierzehn Winter alt, viel zu alt für ein Pfand. Doch die Knochenwürfel wählten sie. Blind vor Wut und Angst packte er daraufhin seinen Schmiedehammer und griff sie an. Er konnte sogar einen Treffer landen, bevor sie sich ruckartig und zuckend bewegte und er plötzlich blutend im Dreck vor ihr lag. Nicht, dass er jemals eine Chance gegen eine Eishexe gehabt hätte. Aber das war jetzt auch egal. Er hatte sie verloren. Er hatte alles verloren.
Bjor hörte einen Schrei und blickte auf. Die Herzflamme zuckte, als die Eishexe langsam nach ihr griff. Die Flamme zappelte auf ihrem steinernen Sockel, als würde sie die Berührung scheuen. Mit einem schnellen, entschlossenen Griff umschloss die klauenartige Hand der Hexe die Flamme, die im selben Augenblick erlosch und starb. Die Flamme, die Bjors Dorf jahrzehntelang vor der Kälte geschützt hatte, war jetzt nur noch schwarzer Rauch. Für einen kurzen Moment schwebte der Rauch noch in der Luft, als würde sich die Herzflamme ein letztes Mal verabschieden, bevor sie vom Nordwind fortgetragen wurde.
Dann kam die Dunkelheit. Aber nicht durch die Abwesenheit von Licht; es war erst Mittag und noch erhellte das Dämmerlicht des Tages die Welt. Nein, es war wie eine Veränderung in der Luft. Bjor spürte ein unheimliches Knistern durch die Straßen und Gassen von Seewyrm fließen. Er schmeckte die schwarze Kälte auf seiner Zunge, beißend und faulig. Die Schatten wurden länger und begannen sich zu bewegen.
Etwas knarrte wie wenn gefrorene Zweige brachen und Bjor hob seinen Kopf. Der Kopf der Eishexe drehte sich langsam in Bjors Richtung. Unter ihrer riesigen dunklen Kapuze konnte er keine Gesichtszüge ausmachen. Nur ihr rasselnder Atem war sichtbar, der wie kleine Wolken aus der Dunkelheit aufstieg. Sie war klein, reichte Bjor vielleicht nur bis zur Brust, aber sie war dick, fast schon unförmig. Ihr langer schwarzer Mantel war mit weißen Eisflecken übersäht und wölbte sich am Rücken aus, als ob sie einen Sack Kartoffeln darunter tragen würde. Als sie sprach, klang ihre Stimme wie das Zerbersten von Gletschern und nach jedem weiteren Wort musste sie Luft holen, so als wäre es eine immense Anstrengung für sie zu sprechen. Und jedes Wort fühlte sich an, als würde sich immer mehr seiner Haut von ihm abschälen. „Wir nehmen. Dieses Kind. Als Pfand. Kein Sterblicher. Darf das Ritual. Stören oder uns daran hindern. Zu nehmen. Was uns gehört. So war es. Und so. Wird es immer sein.“ Langsam hob sie ihren Arm und streckte ihre Klauen in Bjors Richtung aus; ihr knochiger, blauschwarzer Zeigefinger schien ihn aufspießen zu wollen. „Jetzt müsst ihr. Den Preis dafür zahlen. Möge die Kälte. Euch gnädig sein.“ Und mit ihrem letzten Wort verwandelten sie und Bjors Tochter sich in Schnee. Sie standen da wie Statuen aus weißem Marmor, eingefroren in der Kälte der Zeit.
Es folgte eine Stille, die nur durch das ständige Heulen des Windes unterbrochen wurde. Obwohl fast das ganze Dorf um ihn herum auf dem Festplatz versammelt war, sagte niemand ein Wort. Bjor kroch zu Unas Schneekörper und berührte ihr schönes Gesicht. Er lächelte. Man sagte, sie habe die Schönheit ihrer Mutter geerbt und das Temperament seines Vaters. Sein Lächeln verwandelte sich in eine Grimasse. Wie hat mir mein Temperament hier geholfen?, dachte er. Seine Fingerspitzen durchbrachen die Oberfläche und hinterließen ein kleines Loch in ihrer Wange. Bjor zog seine Hand hastig zurück, als hätte er etwas Heißes berührt. Im nächsten Moment zerfiel ihre Gestalt zu einem unerkennbaren Schneehaufen. Die groteske Statue der Eishexe stand noch einen Moment bevor auch sie zusammenbrach. Teile von ihr fielen auf Bjors Rücken, schwer und todeskalt.
Dies weckte das Dorf um ihn herum aus seiner Starre. Es war der endgültige Beweis dafür, dass all dies wirklich geschehen war und dass bei Einbruch der Nacht die Kälte kommen und das Dorf verschlingen würde. Schreie und Stöhnen erfüllten die Luft. Flüche und Verwünschungen wurden Bjor entgegengeschleudert. Einige traten oder schlugen ihn sogar in die Seite und in den Rücken, bevor sein Bruder Ulfrik sie aufhalten konnte. Aber all das spielte keine Rolle mehr. Una war fort. Wie ihre Mutter. Nein, dachte Bjor. Svanhild war bei den Göttern. Una war an einem viel schlimmeren Ort.
„Bjor!“ Jemand rief seinen Namen. War es Ulfrik? Starke Arme packten ihn und zogen ihn hoch. „Bjor, komm.“ Er ließ sich von ihm durch die Menge ziehen. Ab und zu flog ein Schlag oder Tritt in seine Richtung, oder jemand spuckte ihn an und verfluchte ihn, aber sein Bruder hielt die meisten Dorfbewohner auf Abstand. Bjor konnte den Kopf nicht heben. Gedankenschwer sah er nur seine Füße, wie sie durch den Schnee dahinstolperten.
Dann blieb Ulfrik plötzlich stehen und mit einem Ruck wurde auch Bjor an Ort und Stelle gehalten. Jemand versperrte ihnen den Weg. Bjor blickte auf und sah in das Gesicht von Hildir. Die eisblauen Augen stachen wie geforene Seen aus dem wettergegerbtem Gesicht hervor. Eine Narbe zog sich quer über seine Stirn. Was man von Hildirs Mund in seinem wilden und mit silbrigen Fäden durchdrungenen braunen Bart erkennen konnte, war zu einer schmalen Linie zusammengepresst. Wie es seinem Stand als Oberhaupt gebührte, war sein langes Haar zu sieben Zöpfen geflochten, die ihm über die breiten Schultern hingen.
„Hildir“, sagte Ulfrik.
Bjor fiel auf, wie die Menge um ihn herum wieder still wurde. Nur noch leises Flüstern vermischte sich mit dem Wind. Sie alle warteten wohl darauf, was ihr Oberhaupt verkünden würde. Würde er verbannt werden? Oder würden sie gnädiger sein und ihn gleich umbringen?
Hildir sah zu Ulfrik. Ein zorniger Schatten huschte über sein Gesicht. „Bring ihn ins Langhaus“, presste er zwischen den Zähnen hervor.
Ulfrik nickte und zog Bjor weiter. Hildir begann zu sprechen und wandte sich an die Menge, doch Bjor konnte seinen Worten nicht folgen, da sein Bruder ihn mit schnellen Schritten in Richtung Langhaus schleifte.
Das Langhaus von Seewyrm war auf einem kleinem Hügel, etwas abseits der Häuser errichtet worden. Der steinige Pfad dahin war zu beiden Seiten mit Facklen beleuchtet, welche im Wind flackerten und lange Schattenfinger nach Bjor und Ulfrik ausstreckten. Das Langhaus selbst war um die dreißig Fuß lang und zehn Fuß breit und durch das nach oben gewölbte Schilfdach wirkte es wie ein umgedrehtes Schiff. Zwei Wachen standen vor der schweren Eingangstüre aus Eisenholz. Bjor kannte sie, aber sein Kopf wollte ihm ihre Namen nicht verraten. Er konnte nur an Una denken und wie sie vor seinen Augen zu einem Schneehaufen zerfallen war. Wieso war ich nicht stärker?
Als sie sich den Wachen näherten, sah Bjor, wie ihre Hände zu den Kurzschwertern an ihren Hüften gingen. Ulfrik sagte etwas, und die Wachen ließen sie passieren.
In der Mitte des Gebäudes glomm ein großes Feuer, dessen Rauch durch die offene Dachluke stieg. An normalen Tagen saßen hier immer viele Menschen um das Feuer, verteilt auf einfachen Stühlen und Bänken aus Holzstämmen. Aber heute war kein normaler Tag.
Bjor sackte auf einem Stuhl neben der Feuerstelle zusammen und starrte in die Flammen. Langsam ließ der Schock nach, und der Schmerz erfüllte seinen Körper. Sein Arm und seine Rippen brannten. Etwas pochte an seiner Schläfe im stetigen Rhythmus seines gebrochenen Herzens. Er berührte die Stelle mit seinen Fingern und starrte dann auf das dunkle Blut an den Fingerspitzen. Rot wie Unas Haare.
Erinnerungsfetzen trieben in seinem Verstand nach oben, wie tote Fische unter einem gefrorenem See. Una, wie sie ihre Haare flochtete. Bjor, wie er mit ihr auf dem Sonnwendfest tanzte. Una wie sie lächelt. Bjor wie er sie anschrie, weil sie wieder etwas Dummes getan hatte. Una, wie sie daraufhin weinte. Bjor, wie er sich schämte und seinen Kummer im Met ertrank.
Das ganze Ausmaß seines Handelns und was geschehen war, schlug über ihm zusammen wie eine schwarze Welle auf dem Meer. Das Gewicht drückte ihn nieder. Er zitterte. Tiefe Schluchzer brachen aus ihm heraus, und er vergrub das Gesicht in seinen schwieligen Händen. Sein Körper schüttelte sich. Una.
„Bjor!“ Jemand schüttelte ihn.
„Una! Nein!“
„Bjor!“ Er wurde hochgerissen. „Verdammt, sieh mich an!“
Bjor hob den Kopf. Durch einen Schleier aus Tränen konnte er seinen Bruder erkennen, der ihn mit seinen haselnussbraunen Augen ansah. Das sonst schelmische Funkeln in ihnen war erloschen. Jetzt waren sie kalt und hart wie gefrorener Lehm.
„Ulfrik…“
Einen Moment lang sah sein Bruder ihn noch an. Unausgesprochene Worte hingen zwischen ihnen. Dann klopfte er ihm auf die Schulter. Einmal. Zweimal. Jedes Mal etwas stärker. Beim dritten Mal schien Bjor zusammenzubrechen, doch dann schloss ihn sein Bruder in eine kräftige Umarmung. Wieder brach etwas in Bjor, und Tränen und Rotz durchweichten Ulfriks braune Weste.
„Gefrorene Scheiße!“ fluchte Ulfrik nach einer Weile, die sich wie viele Winter anfühlte. Langsam lösten sie sich von einander und ein langer Rotzfaden blieb auf Ulfriks Weste zurück. „Nett“, meinte Ulfrik und wischte sich den Rotz mit der Hand ab.
„Verzeih mir…“ sagte Bjor.
Ulfrik zögerte. „Kann man wieder richten.“
Bjor wischte sich über das Gesicht. „Kann man?“
Die Tür des Langhauses flog auf, und ein Windstoß brachte das Feuer zum Zittern. Hildir stürmte herein, gefolgt von einigen Schneeflocken und einer Personen. Bjor hatte keine Zeit, die Person in Augenschein zu nehmen, denn Hildir stürmte auf ihn zu, stieß Ulfrik zur Seite und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht.
Schwarze Blitze explodierten vor Bjors Augen. Er stolperte nach hinten über einen Stamm und krachte zu Boden.
„Hildir!“ schrie sein Bruder und packte Hildir, um ihn zurückzuhalten.
„Verdammt seist du, Rolandson!“ schrie Hildir. Speichel schoss ihm aus dem Mund, und seine Augen glühten vor Zorn. „Lass mich los, Ulfrik, damit ich deinen Bruder totschlagen kann!“
Jetzt stieß Ulfrik Hildir zurück und hob seine Fäuste. „Dann versuch es, Hildir Eisulfsson!“
Die beiden Männer standen sich gegenüber und starrten sich an, die Hände zu Fäusten geballt. Beide lauerten und warteten, wer zuerst angreifen würde. Doch soweit kam es nicht.
„Das reicht!“ donnerte eine tiefe Stimme hinter Hildir. Dann krachte ein schwerer Holzstab dreimal zu Boden. Bjor erkannte die Stimme sofort, obwohl er wegen der vor Schmerzen tränenden Augen nicht richtig sehen konnte. Thorfinn Graubart, der Dorfälteste. Er hatte langes, schneeweißes Haar, das er zu einem einfachen Zopf gebunden hatte. Er strahlte immer noch eine Autorität und Würde aus, die sogar das schwarze Eis vor ihm zurückweichen ließ.
„Hildir,“ fuhr er fort, „sieh zu, dass du das Dorf daran hinderst, das Langhaus abzufackeln, und bereite alles für unseren Aufbruch vor.“
Den Blick immer noch auf Bjors Bruder gerichtet, sagte Hildir: „Bei allem Respekt, Thorfinn, aber das Dorf verlangt Gerechtigkeit!“
„Und Gerechtigkeit soll es bekommen.“ Thorfinn kam näher. Er stützte sich auf seinen Stab und zog ein Bein nach. Eine alte Verletzung; Bjor wusste nicht mehr, wie lange dies her war oder was der Grund dafür war. Bjor konnte sich auch nicht mehr daran erinnern, wie alt Thorfinn eigentlich war. Er war schon alt, als Bjor noch in die Windeln gemacht hatte.
„Ulfrik, hilf deinem Bruder auf. Er soll stehen, wenn ich sein Schicksal verkünde.“
Ulfrik zog Bjor wieder auf die Beine.
Thorfinn stellte sich vor die beiden Brüder, sah zuerst Ulfrik an, der seinen Kopf senkte. Ulfrik sah aus, als wäre er wieder zwölf Winter alt und hätte zusammen mit Bjor das Lagerhaus von Hildir abgefackelt. Bjor konnte immer noch den Rauch riechen und die Schläge spüren, die sie daraufhin bekommen hatten. Dann blieb Thorfinns Blick bei Bjor hängen. Bjor starrte mit geschwollenen Augen zurück. Er konnte keinen Hass in Thorfinns Augen erkennen, nicht so wie in Haldirs, die ihn regelrecht verbrennen wollten. Was er sah, war fast noch schlimmer: Enttäuschung und Resignation.
Dann erhob er seine Stimme: „Bjor Rolandson. Durch deine Taten hast du das Dorf verdammt und seine Bewohner dem sicheren Tod geweiht. Ich verbanne dich deswegen auf Lebenszeit aus dieser Gemeinschaft. Möge die Kälte dir gnädig sein.“
Ulfrik fluchte laut. Hildir klatschte in die Hände.
„Hildir! Hast du nicht etwas zu tun?“ fuhr Thorfinn den Krieger an. Hildir schlug sich gegen die Brust, winkte den zwei Wachen zu und gemeinsam verließen sie das Langhaus.
Bjor wischte sich den blutigen Rotz aus dem Gesicht und ließ sich erschöpft auf einen Stamm sinken. Er war nicht überrascht, hatte dieses Urteil sogar erwartet. Sein Bruder wohl auch, sonst hätte er ihn verteidigt. Aber was blieb dem Dorfältesten sonst übrig? In Seewyrm war noch nie jemand hingerichtet worden. Selbst die schwersten Verbrechen wurden mit Verbannung bestraft. Oft dachte Bjor, dies wäre die schlimmere Bestrafung als der Tod.
Als die schwere Tür ins Schloss fiel, seufzte Thorfinn schwer und nahm gegenüber von Bjor Platz. „Keiner hat mich so viele Lebensjahre gekostet wie ihr zwei.“ Er fuhr sich mit der Hand durch seine Haare.
„Blutige Schafsscheiße!“ fluchte sein Bruder und begann im Langhaus auf und ab zu gehen. Dinge, die ihm dabei im Weg standen, wurden von ihm aus dem Weg getreten.
„Was passiert jetzt mit dem Dorf?“ fragte Bjor.
„Wir packen unsere Sachen und schauen, dass wir ins nächste Dorf kommen, bevor das schwarze Eis uns holt. Das passiert, Bjor Rolandson!“
„Nach Isengrim?“
„Isengrim ist bei gutem Wetter eine Tagesreise entfernt!“ sagte Ulfrik. „Selbst wenn wir es schaffen, in den nächsten Stunden aufzubrechen, kommen wir nie in Isengrim an, bevor das Dämmerlicht schwindet!“
„Dann verabschiedest du dich jetzt am besten von deinem Bruder und gehst dem Dorf helfen, Ulfrik Rolandson, bevor du hier noch das ganze Langhaus niederreißt!“
Ulfrik blieb stehen. Sein Kiefer mahlte. Seine Hände waren immer noch zu Fäusten geballt. Bjor hob den Kopf und ihre Blicke trafen sich. Etwas glitzerte in den Augen seines Bruders.
Dann packte er Bjors Hand und zog ihn in eine kräftige Umarmung. „Folge uns in etwas Abstand,“ sagte er leise in Bjors Ohr. Seine Stimme klang, als spräche er durch dichten Nebel. Als die beiden sich wieder trennten, wischte sich Ulfrik schnell übers Gesicht, um die Tränen zu verbergen, und etwas von seinem früheren schelmischen Lächeln stahl sich auf seine Lippen. „Du kannst dir ja in der Nähe von Isengrim etwas Eigenes aufbauen.“
Bjor lächelte traurig. Beide wussten, dass dies nicht möglich war. Niemand nahm einen Verbannten auf oder wollte einen in seiner Nähe haben. Dieses Gesetz war so alt wie das schwarze Eis selbst. Als Bjor seinen Bruder ansah, brach ein weiteres Teil seines Herzens ab und zersplitterte wie ein Eiszapfen, der zu Boden fiel. „Warme Glut und sichere Pfade.“
Einen Atemzug lang zögerte Ulfrik. Dann packte er Bjors Unterarm. „Dir auch, Bruder.“ Sie lösten ihren Griff, und Ulfrik ging ohne ein weiteres Wort hinaus.
Stille drückte sich durch die Ritzen des Langhauses und legte sich auf Bjor wie eine kalte, nasse Decke.
„Es tut mir leid,“ sagte Thorfinn nach einer Weile und stand auf.
„Aye…“ sagte Bjor.
Der Dorfälteste trat vor Bjor und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ich musste warten, bis niemand mehr im Raum ist,“ sagte er.
„Thorfinn?“
„Vor zwei Wochen kam Einar Sturmflügel aus der Hauptstadt zurück. Und außer dem üblichen Klatsch und Tratsch, welches Oberhaupt es mit wem getrieben hat, brachte er eine unglaubliche Geschichte mit. Er hatte Gerüchte gehört, sie hätten in der Eiskristall-Bibliothek einen verborgenen Bereich tief im Eis gefunden. Dort waren Karten und Aufzeichnungen versteckt, welche noch vor der Frostnacht geschrieben wurden.“
Bjors Verstand war langsam, immer noch wie unter einer dicken Eisschicht begraben. Hier und da kam er durch Luftlöcher nach oben und konnte Luft holen. „Karten?“ fragte er.
„Karten,“ bestätigte Thorfinn. „Einar meinte, es seien Karten mit dem Aufenthaltsort der Eishexen.“
Bjor starrte Thorfinn an. Das Eis in seinem Verstand barst mit einem lauten Krachen, und er schoss plötzlich vor und packte den Dorfältesten hart an den Schultern. „Bist du dir sicher?“
Thorfinn wand sich etwas in Bjors Griff, seine Stimme aber blieb gefasst, als er sagte: „Einar Sturmflügel mag vieles sein, aber er ist kein Lügner. Sein Wort ist Gold wert.“
Bjor ließ von Thorfinn ab. Sein Verstand war zu schnell aus dem Eis gebrochen und versuchte jetzt panisch, auf dem Eis wieder auf das rettende Ufer zu kriechen. „Eine Karte zu den Eishexen. Eine Karte zu Una!“
„Bjor…“
„Nein, hör mir zu!“ Sein Verstand kroch jetzt langsamer, das Eis unter ihm knackte gefährlich. „Ich konnte Svanhild nicht retten…“ Seine Stimme brach etwas, wie das Eis in seinem Verstand. „Ich konnte Una nicht retten…“
„Es bleibt trotzdem immer noch nur ein Gerücht,“ sagte Thorfinn. „Mach mit dem Wissen, was du willst.“ Thorfinn ließ seinen Stab zu Boden krachen und ging. „Leb wohl, Bjor.“
Bjor stand noch lange da und sah ihm nach. Ein plötzlicher Windstoß ließ das Langhaus erzittern. Im Feuer brach ein dicker Stamm mit einem lauten Knacken entzwei, und Funken stoben auf.
Er konnte Una retten. Und wenn es auch nur einen kleinen Hoffnungsschimmer gab, eine kleine Kerze auf stürmischer See, er konnte es versuchen. Oder bei dem Versuch sterben.
„Una,“ sagte Bjor und ging hinaus in den Schnee.
Juni 2024
